Warum du bleibst, obwohl du gehen willst

Es gibt einen Satz, den ich in Beratungen oft höre. Er lautet: Ich weiß genau, was ich tun müsste.

Und dann passiert es trotzdem nicht. Die Kündigung wird nicht geschrieben. Das Gespräch wird nicht geführt. Die Beziehung, von der die Person seit Monaten erzählt, dass sie ihr nicht guttut, bleibt bestehen. Und fast immer folgt danach eine Erklärung, die nach Selbstkritik klingt. Ich bin halt zu bequem. Ich zieh nichts durch. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.

Ich glaube, an dieser Stelle wird an der falschen Stelle gesucht.

Wollen und bleiben schließen sich nicht aus

Wir gehen davon aus, dass ein Mensch, der etwas wirklich will, es auch tut. Wenn er es nicht tut, muss der Wunsch also unecht gewesen sein oder der Wille zu schwach. Das ist eine saubere Logik. Sie beschreibt nur nicht, wie Menschen funktionieren.

Du kannst gleichzeitig gehen wollen und bleiben wollen. Beide Regungen sind echt. Sie widersprechen sich nicht, weil eine davon gelogen wäre, sondern weil sie zwei verschiedene Dinge im Blick haben. Der eine Teil sieht, was du dir wünschst. Der andere Teil beschützt etwas, das du dir nicht bewusst gemacht hast.

Solange dieser zweite Teil unsichtbar bleibt, sieht das Ganze aus wie Faulheit. Ist es aber nicht. Es ist eine Verhandlung, bei der nur eine Seite spricht.

Was das Bleiben eigentlich schützt

In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Sätze, die Menschen über sich selbst gelernt haben. Wenn ich mich bemühe, werde ich geliebt. Wenn ich mich kümmere, bin ich etwas wert. Wenn ich niemandem zur Last falle, darf ich bleiben.

Diese Sätze sind keine Überzeugungen, die jemand ausgewählt hat. Es sind Schlussfolgerungen. Irgendwann haben sie gestimmt, oder sie haben zumindest funktioniert. Sie haben Zugehörigkeit gesichert, Konflikte vermieden, Aufmerksamkeit gebracht. Sie waren nützlich. Woher solche Sätze kommen und wessen Maßstäbe darin stecken, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben: Wessen Werte lebst du eigentlich?

Das Unangenehme daran ist, dass so ein Satz nicht nur eine Regel ist. Er ist auch eine Rolle. Verlässlich sein. Unkompliziert sein. Alles alleine hinkriegen. Und eine Rolle gibt einem etwas, das schwer aufzugeben ist, nämlich einen klaren Platz.

Wenn du jetzt etwas veränderst, kündigst du nicht nur eine Gewohnheit. Du kündigst die Logik, die dir diesen Platz gegeben hat. Und dahinter steht eine Frage, die niemand gern offen lässt: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die Person bin, die sich kümmert.

Dass jemand vor dieser Frage stehen bleibt, ist keine Schwäche. Es ist eine sehr verständliche Reaktion darauf, dass gerade der Boden verhandelt wird.

Warum Mitgefühl mit sich selbst bedrohlich wirken kann

An dieser Stelle kommt in Gesprächen oft der Vorschlag, doch freundlicher mit sich selbst zu sein. Der Vorschlag ist gut gemeint und er löst bei vielen Menschen Widerstand aus.

Das liegt daran, dass Selbstmitgefühl mit Schwäche gleichgesetzt wird. Wer sich Mitgefühl gibt, lässt sich gehen, macht Ausreden, hört auf, sich anzustrengen. So klingt es zumindest von innen. Und wenn jemand ohnehin eine Identität mit sich trägt, in der viel Scham steckt, dann wirkt Weichheit gegenüber sich selbst nicht wie Erleichterung, sondern wie Gefahr.

Was ich in meiner Ausbildung und in der Arbeit mit Menschen zunehmend anders sehe: Selbstmitgefühl ist keine Nachsicht. Es ist die Erlaubnis, das zu fühlen und zu brauchen, was gerade da ist. Damit ist es eine Form von Kenntnis über sich selbst, nicht ein Verzicht auf Ansprüche.

Und es hat einen Preis, den man ehrlich benennen sollte. In dem Moment, in dem du dir Mitgefühl gibst, gestehst du dir auch den Schmerz ein, den du jahrelang ausgehalten hast. Du sagst dir damit, dass es nicht nichts war. Solange die alte Logik gilt, muss dieser Schmerz nicht angeschaut werden, weil er ja Teil des Deals war. Genau deshalb ist Selbstmitgefühl manchmal bedrohlicher als Härte.

Regulieren ohne akzeptieren funktioniert nicht

Ich halte Körperarbeit für einen der besseren Zugänge, um wieder bei sich anzukommen. Atmen, Erden, Spannung rauslassen. Das hilft und ich empfehle es.

Aber es hat eine Grenze. Regulieren ohne akzeptieren geht nicht. Wenn ich einen Zustand nur beruhige, damit er verschwindet, arbeite ich weiter gegen etwas. Der Körper wird ruhiger, der Widerstand bleibt. Und der Widerstand ist der eigentliche Aufwand.

Den Widerstand aufzugeben ist wieder Kopfsache. Es heißt, sich einzugestehen, dass da etwas ist, das man lieber nicht hätte. Loslassen fühlt sich deshalb selten nach Fortschritt an. Es fühlt sich nach Kontrollverlust an. Es ist angsteinflößend und gleichzeitig mutig, und beides gilt.

Nicht alles muss repariert werden

Wir sind es gewohnt, Zustände zu beheben. Ein Problem taucht auf, wir suchen die Lösung, wir setzen sie um. Bei vielem funktioniert das gut.

Bei Widersprüchlichkeit greift das nicht. Wer sie auflösen will, entscheidet sich meistens vorschnell für eine Seite und die andere meldet sich später wieder, oft lauter. Was in meiner Erfahrung eher trägt, ist unbequemer: erst einmal beide Seiten stehen lassen und schauen, was jede von ihnen eigentlich will.

Wir müssen nicht immer fixen. Manchmal dürfen wir einfach nur halten.

Ich schreibe das mit einer Einschränkung. Das gilt nicht für jede Situation und nicht für jeden Menschen. Es gibt Umstände, in denen jemand nicht bleibt, weil eine innere Logik das nahelegt, sondern weil real keine Möglichkeit besteht zu gehen. Diese Unterscheidung ist wichtig und sie lässt sich von außen nicht treffen.

Die Frage, die weiterarbeitet

Wenn du etwas in deinem Leben seit Längerem verändern willst und es nicht tust, dann würde ich dir nicht raten, mehr Disziplin aufzubringen.

Ich würde eine andere Frage stellen. Was erledigt das Bleiben für dich? Wovor bewahrt es dich gerade?

Die Antwort ist oft unangenehm ehrlich. Und sie bringt dich meistens weiter als jeder Vorsatz.

Diese Frage stelle ich mir gerade selbst. Eine Woche lang, jedes Mal, wenn ich mich gegen etwas entscheide, das mir wichtig ist, halte ich fest, was mir das erspart hat. Nicht, was ich verpasst habe. Was es mir erspart hat.

Was dabei herauskommt, schreibe ich Ende November in Collections. Dort dokumentiere ich einmal im Monat, was passiert, wenn ich Dinge selbst ausprobiere, statt sie nur vorzuschlagen.

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Wessen Werte lebst du eigentlich?