Warum du dich immer noch versteckst, obwohl du längst geoutet bist
Es gibt einen Unterschied zwischen geoutet sein und gesehen werden. Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen.
Das Coming-out gilt oft als der große Wendepunkt. Davor das Verstecken, danach die Freiheit. Aber so linear ist es selten. Viele queere Menschen, mich eingeschlossen, merken irgendwann: Das Verstecken hat mit dem Coming-out nicht aufgehört. Es hat nur die Form gewechselt.
Wie die Hoffnung entsteht
Diesen Sommer habe ich mich viel damit beschäftigt, was es bedeutet, in einer emotional unreifen Umgebung aufzuwachsen. Meistens denken wir dabei an Eltern, aber es können alle Bezugspersonen sein, die uns geprägt haben. Emotional unreif heißt dabei nicht kalt oder böse. Es heißt oft: unberechenbar. Mal Nähe, mal nichts. Mal ein Moment echter Resonanz, dann wieder lange Funkstille.
Kinder sind wahnsinnig klug darin, mit so etwas umzugehen. Eine der Strategien, die dabei entstehen kann, nennt die Psychologin Lindsay Gibson eine Healing Fantasy: eine hoffnungsvolle Geschichte darüber, was uns eines Tages wirklich glücklich machen wird. Wenn ich brav genug bin. Wenn ich erst beweise, dass ich es wert bin. Dann kommt die Liebe, die bisher nur bröckchenweise kam.
Und um diese Hoffnung am Leben zu halten, entsteht etwas Zweites: eine Rolle. Ein Selbst, das genau das liefert, was das Umfeld braucht. Gibson nennt es das Rollen-Selbst. Das Kind passt sich der Umgebung an, statt dass die Umgebung das Kind kennenlernt.
Was das mit Queerness zu tun hat
Ich glaube: viel. Wenn du als queeres Kind aufwächst und spürst, dass ein Teil von dir nicht willkommen ist, ob das ausgesprochen wird oder nur in der Luft liegt, dann lernst du das Verstecken doppelt. Du versteckst nicht nur Bedürfnisse oder Gefühle, wie es viele Kinder emotional unreifer Bezugspersonen tun. Du versteckst eine Identität.
Die Healing Fantasy bekommt dann oft eine sehr spezifische Form. Bei manchen klingt sie so: Wenn ich erfolgreich genug bin, können sie mein Queersein übersehen. Bei anderen: Wenn ich mich oute und sie mich trotzdem lieben, ist endlich alles gut. Und bei wieder anderen läuft sie ganz leise weiter, als ständiges Beweisen.
Die perfekt kuratierte Anerkennung
Der Psychologe Alan Downs beschreibt in seinem Buch The Velvet Rage eine Beobachtung, die mich seit dem Lesen nicht mehr loslässt. Viele schwule Männer, schreibt er, flüchten sich in Ästhetik: in Kunst, Mode, Design, Karriere, den perfekten Körper, die perfekte Wohnung. Nicht aus Eitelkeit. Sondern weil es dort eine Form von Anerkennung gibt, die planbar ist.
Das ist der Punkt, an dem sich Gibson und Downs für mich gegenseitig erklären. Die Healing Fantasy braucht eine Bühne, auf der sie sich erfüllen könnte. Und kreativer Ausdruck ist eine besonders verführerische Bühne, weil die Validierung dort kuratierbar ist. Du entscheidest, was du zeigst. Du kontrollierst, was bewertet wird. Der Applaus kommt verlässlicher als jede Nähe, die du als Kind bekommen hast.
Nur: Der Applaus gilt der Leistung. Nicht dir.
Ich würde Downs' Beobachtung nicht auf schwule Männer begrenzen. Mir scheint, dieses Muster kennen viele queere Menschen: sich eine Welt zu bauen, in der Anerkennung sicher ist, weil die echte Annahme unsicher war. Bewundert zu werden ist dann keine Freude, sondern eine Strategie. Und Bewunderung und Annahme sind zwei verschiedene Dinge. Das eine bekommst du für das, was du kannst. Das andere bräuchtest du für das, was du bist.
Warum das so hartnäckig bleibt
Vielleicht kennst du das: Du bist längst geoutet, dein Umfeld weiß Bescheid, und trotzdem gibt es diese Momente, in denen du dich kleiner machst, glatter, unkomplizierter. Nicht aus Angst vor Ablehnung deiner Queerness, sondern aus etwas Älterem. Aus dieser eingeübten Bewegung: Ich zeige dir die Version von mir, die du haben willst, und hoffe, dass du irgendwann die ganze willst.
Warum hält sich das so hartnäckig? Eine Antwort, die mir im Studium begegnet ist: Unser Nervensystem lernt am stärksten aus unregelmäßiger Belohnung. Wenn Anerkennung nur manchmal kommt, unvorhersehbar, lernt der Körper, dranzubleiben. Ein einziger guter Moment kann hundert enttäuschende überstimmen. Das ist keine Schwäche und keine Naivität. Das ist ein Nervensystem, das genau das tut, wofür es trainiert wurde.
Die Rolle war nie in erster Linie ein Versteck für die Sexualität. Sie war ein Versuch, sich Nähe zu verdienen. Und dieser Versuch hört nicht auf, nur weil ein Geheimnis keines mehr ist. Das Coming-out beendet die Rolle nicht. Es macht sie manchmal nur sichtbarer.
Ich würde nicht sagen, dass daraus zwangsläufig etwas Krankhaftes entsteht. Aber wenn ich in meiner Arbeit als Berater mit Menschen auf ihre Beziehungsmuster schaue, taucht erstaunlich oft genau diese Konstellation auf: eine alte Hoffnung, die nie erwachsen wurde, und eine Rolle, die sie am Leben hält.
Was hilft
Ich habe keine fertige Antwort, und ich misstraue jedem, der eine hat. Aber ein Anfang ist, die eigene Healing Fantasy überhaupt zu erkennen. Sie beim Namen zu nennen. Zu merken, in welchen Momenten die Rolle übernimmt. Und sich dann zwei Fragen zu stellen, die unbequemer sind, als sie klingen: Bei wem hoffe ich eigentlich noch, und worauf genau? Und: Wo ist mein Ausdruck echt, und wo ist er eine sehr elegante Form, mir Nähe zu verdienen?
In Collections, meinem monatlichen Brief, teile ich eine Übung aus Gibsons Buch, mit der du deiner eigenen Healing Fantasy auf die Spur kommen kannst. Die erste Ausgabe erscheint Ende September.
Und vielleicht bleibt am Ende diese Frage: Wer wärst du in deinen Beziehungen, wenn du nichts mehr beweisen müsstest?